Es ist Ende März. Ruhig liegt der Werbellinsee vor uns. Die Mitglieder des Eberswalder Kaffenkahn e. V. wollen heute ihren ersten Tauchgang in diesem Jahr durchführen. Ihr Ziel ist eines der Kaffenkahnwracks auf dem Grund des Sees. Der Verein widmet sich der Erkundung der hölzernen Lastenkähne, die im 18./19. Jahrhundert als Transportmittel eingesetzt wurden. Unter anderem wurden Ziegelsteine für den Aufbau Berlins mit ihnen transportiert. Die Tauchgänge zu den Wracks müssen gut vorbereitet werden. Pressluftflaschen, Bleigewichte, Vermessungsmaterial. Als schwimmende Tauchbasis dient die Argon. Das ausrangierte und umgebaute Polizeiboot hat schon einiges hinter sich. Und so braucht es nach dem langen Winter einige Versuche, bis der 40 Jahre alte 6-Zylinder-Diesel anspringt. Als er endlich läuft, kann es endlich losgehen. An diesem ersten Frühlingstag. Am Steuer sitzt Kai Dieterle. Er kennt die Positionen der Wracks genauestens und bringt uns zielsicher zum Tauchgebiet. Im vergangenen Jahr hatte Eberswalde TV über das erste bundesweite Tauchercamp am Werbellinsee berichtet. Ich war damals als Redakteur und Kameramann vor Ort. So lernte ich Mitorganisator und Taucher Matthias Schmidt kennen. Wir wollen heute die Rollen tauschen. Er wird die Kamera bedienen und ich werde zum Wrack tauchen. Ein absolutes Abenteuer für mich, da ich noch nie getaucht bin. Ich bin gespannt, was da auf mich zu kommt und verlasse mich da auf die Taucherfahrungen der Vereinsmitglieder. Mitten auf dem See streikt plötzlich der Motor. Das Schiff hat der Verein erst vor kurzem erworben. Die Tücken des Bootes sind den Männern noch nicht vertraut. Irgendetwas mit der Motorkühlung haut nicht hin. Bordmechaniker Kai holt sich telefonisch Hilfe, um das Problem in den Griff zu bekommen. Schnell ist klar, die Wasserpumpe ist defekt. Ein kleines Rädchen, der Impeller, hat seinen Geist aufgegeben. Gott sei dank ist das passende Ersatzteil an Bord und nach einer guten halben Stunde kann es weiter gehen. Ohne weitere Komplikationen erreichen wir die Position des Wracks. Bernd kann den Anker schmeißen. Und die beiden werden mich jetzt auf mein erstes Unterwasserabenteuer vorbereiten. Und deshalb gibt es einige Tauchzeichen, die mir Kai jetzt erklärt. Er ist Tauchlehrer und erzählt mir, dass eine sichere Kommunikation unter Wasser extrem wichtig ist. Sicherheit steht immer an oberster Stelle. Mindestens genauso wichtig ist aber auch der Druckausgleich. Mit jedem Meter nach unten wächst der Wasserdruck, sofort zu merken in den Ohren. Geht es aber nicht, denn Kai erklärt mir noch, was ich da auf meinen Schultern trage, einatmen werde und wie das alles funktioniert. Ein so genannter Nassanzug. Nachher im Wasser läuft er voll und meine Körpertemperatur erwärmt die dünne Wasserschicht zwischen Haut und Anzug. Eine gute Isolierung, wie sich später zeigen wird. Parallel machen sich Roy und Bernd startklar. Sie werden mir bei meinem Schnupperschnellkurs zur Seite stehen. Beide tauchen seit Jahren. Bevor ich zum Wrack runter darf, zeigen sie mir, wie ich mich im Wasser bewegen muss, wie ich mit dem Automaten richtig atme und Gleichgewicht halte. Erst wenn ich das verinnerlicht habe, darf ich zum Wrack. Ich habe endlich meinen Anzug an. 10 Kilogramm Bleigewichte sorgen für den Abtrieb im Wasser, und die Spucke in der Brille dafür, dass sie später nicht beschlägt. Und dann bin ich endlich im Wasser. Toller Ratschlag von Kai, aber es ist gar nicht so einfach mit der ganzen Ausrüstung. Ein komisches Gefühl, unter Wasser zu atmen. Nach wenigen Minuten hat sich meine Lunge daran gewöhnt. Und mit Hilfe von Roy und Bernd tauche ich das erste Mal ab. Während ich übe, erklärt Kai Georg die Unterwasserkamera. Georg soll uns beide beim Wracktauchen filmen. Die Sicht ist in den kalten Wintermonaten um ein Vielfaches besser als im Sommer. Das Wasser ist noch klar, Filmaufnahmen lohnen sich also. Aber da Kai mit mir als Tauchanfänger voll beschäftigt sein wird, muss Georg als Unterwasserkameramann einspringen. Meine beiden Tauchassistenten haben mich inzwischen bis auf 7 Meter runter gebracht. Als wir wieder auftauchen, bin ich begeistert… Eine kleine Glasbuddel. Obwohl wir einfach nur über den Grund getaucht sind, es war aufregend, spannend, eine für mich gänzlich neue Welt. Naja, etwas unbeholfen, aber was soll´s. Jetzt macht sich Georg startklar. Auch er taucht seit Jahren und ist mit den Späßchen von Kai bestens vertraut. Die Unterwasserkamera ist ein handelsüblicher Camcorder. Das wasserdichte Gehäuse hat Kai selbst gebaut, ebenso den Lampenträger. Aber es funktioniert zuverlässig. Kai und ich sind jetzt auch bereit. Wir tauchen ab in Richtung Wrack. Je tiefer wir kommen, je besser wird die Sicht. Mit dem Kompass orientiert sich Kai, schließlich wollen wir den gesunkenen Kaffenkahn auch finden. Zwischendurch fragt er mich immer wieder, ob alles ok ist. Und das ist es. Eine wunderbare Erfahrung für mich, schwimmen wie ein Fisch. Und dann taucht es langsam auf, das alte Wrack. Es ist erstaunlich gut erhalten. Seit etwa 200 Jahren liegt es hier auf dem Grund des Werbellinsees. Seine Fracht, Ziegelsteine. Am vorderen Ende war früher die Kaffe angebracht. Eine einklappbare Holzspitze, der die Schiffe ihren Namen verdanken. Die Kaffe erleichterte dem Schiffer die Orientierung. Alles liegt noch so, wie es damals nach dem Sinken zur Ruhe kam. Die alten Ziegel, man könnte noch heute sofort losmauern, so gut sind sie erhalten. Im hinteren Teil liegt die Fracht noch ordentlich aufgestapelt, unglaublich. Viel zu schnell ist die Zeit um. Wir müssen wieder auftauchen. Das braucht Zeit. Etwa 10 Meter pro Minute. Kai stützt mich und gibt die Richtung vor. Und dann ist er wieder zu sehen, der blaue Himmel. Ich bin begeistert, 14 Meter waren wir unter der Wasseroberfläche. Alles hat geklappt.
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